
Die beiden Grundpfeiler guter Typografie
Schrift und vor allem Anordnung nannte der Typograf Jan Tschichold einst die Grundpfeiler guter Typografie. Er schrieb:
Heute kann dank Computer jeder typografisch tätig sein. Der Beruf Typograf ist verschwunden und damit eine Jahrhunderte alte Ausbildung. Wer heute im Bereich Typografie lernen will muss Bücher lesen!
Fehlendes Wissen
Webdesigner und Grafiker haben in der Regel hunderte von Schriften auf ihren Rechnern installiert. Oft fehlt aber das notwendige Grundwissen zu deren Anwendung.
Dies zeigt Beispielhaft die häufig unbedachte Anwendung der Schrift “Frutiger”. Diese Schrift hatte Adrian Frutiger für die optimale Lesbarkeit aus weiter Distanz entwickelt. Also ideal für Plakate und Schilder! Trotzdem wird sie immer wieder in langen Fliesstexten verwendet, ja ganzen Bücher wurden damit geschrieben. Dafür hatte Adrian Frutiger eigentlich die Univers entwickelt. Diese war die erste Schrift ohne Serifen, welche in Fliesstexten annähernd so gut lesbar war wie eine Serifenschrift.
Weitere Fehler sind unter anderem:
- Erzwungenem Blocksatz, welcher riesige Löcher zwischen den Wörtern verursacht, und die gute Lesbarkeit behindert
- Zahlreichen Schriften auf ein und der selben Website
- Alles Fett geschrieben
- Alles viel zu klein geschrieben
- Experimente an Buchstabenabständen
Buchstaben dürfen nirgendwo beliebig dicht oder weit auseinander gesetzt werden. Niemals dürfen Kleinbuchsteaben gesperrt werden. Grossbuchstaben müssen hingegen leicht gesperrt werden.
Gute Typografie ist gutem Benehmen verwandt
Alles schreit, alles ist hervorgehoben, alles Fett! Während sich im normalen Leben gewisse Anstandsregel durchgesetzt haben herrscht gestalterische Anarchie. Optischer Lärm wohin das Auge blickt. Oft will Typografie anders aussehen als der Durchschnitt. Ungewöhnliche Anordnungen erfordern viel Können. Der Versuch, etwas zu machen, das man nicht kann, ergibt Kitsch. Typografie ist nicht geeignet für kreative Selbstverwirklichung! Sie dient einzig und allein der Lesbarkeit.
– Otl Aicher
Jan Tschichold schrieb: “Die Nachbarn stets mit fetten und “noch grösseren” Schriften zu übertrumpfen, ist einfach unmöglich, da Grösse der Schrift natürliche Grenzen in Fläche der Anzeigen gesetzt sind und solche Wünsche der Auftraggeber noch schlimmere Schriftgrössen der Konkurrenten in der nächsten Nummer hervorrufen. Wenn alle Inserenten so lebhaft gestikulieren, sieht man keines mehr, und selbst ein wenig empfindlicher Leser wird durch ungezügelte Anzeigen abgestossen.”
Was er wohl heute über das Internet sagen würde? Es gilt: Weniger ist mehr!
Buchtipp: Jan Tschichold
Es empfiehlt sich folgendes Buch: Erfreuliche Drucksachen durch gute Typografie.
Interessante Ausführungen, die ich (aus Anwendersicht) nur unterstreichen kann. Die Zeiten der “Schriftkataloge” (“Motto: Ich zeige alle Schriften, die ich habe!”) ist zum Glück vorbei. Worunter ich immer noch “leide”: zu kleine Schriften. Sie wirken cool, sind aber meist schlecht zu lesen. (Pssst: gilt auch für die Schrift hier im Eingabefeld!)
@Marcel Widmer: Früher waren kleine Schriften mal cool. Ich schäme mich heute noch für einige meiner Arbeiten von damals. Es lag wohl daran dass Windoof die Schriften so hässlich dargestellt hat dass man diese am liebsten unsichtbar gemacht hätte.
PS: Die Schrift in den Felder müsste jetzt besser sein.
“Typografie ist nicht geeignet für kreative Selbstverwirklichung! Sie dient einzig und allein der Lesbarkeit.”
Bravo!
Danke, Oliver, ein guter Artikel!
Wer sich noch detaillierter mit Typografie auseinandersetzen will, dem/der empfehle ich das Nachschlagewerk für alle Fragen zu Schrift und Satz “Detail-Typographie”. DIE Typo-Bibel.
http://bit.ly/cQcwnL
Danke für den Buchtipp. Mensch das Buch kostet aber ganz schön was. Ich werde wohl bald Amazons bester Kunde sein. Allerdings sollte einem das Geld für Bücher nicht reuen.
[...] beachte auch meinen Blogbeitrag zur Typografie sowie meine Kurse zum Thema Webdesign & Usability. Und wer das Buch von Edward Tufte jetzt noch [...]